Nicht nur das Lebenswerk von Pierin Vincenz ist entwertet worden. Es gibt schon jetzt weitere Schäden.

Auch 2021 gilt: Wenn man kräftig lachen will muss man nur an Vincenz und an Unschuldsvermutung denken. Dass er und sein Kompagnon (und die übrigen Angeschuldigten) unschuldig sind, das noch solange bleiben werden, bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt, das ist ein schlechter Witz.

Ein Angeschuldigter hat sich aber entschieden, einen Strafbefehl zu akzeptieren und damit eine weitere, wohl langjährige Gegenwehr gegen einen im roten Bereich drehenden Staatsanwalt zu vermeiden.

Es war wohl die klassische Entscheidung: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Deshalb akzeptierte der Wirtschaftsanwalt B.B. einen Strafbefehl. Das ist ein Instrument, mit dem überlasteten Gerichten Fälle vom Hals geschafft werden sollen.

Der Staatsanwalt als Richter bastelt sich einen Kronzeugen

Ein Angeschuldigter einigt sich mit dem Staatsanwalt, ein minderes Schuldeingeständnis gegen eine mindere Strafe einzutauschen. Daraufhin setzt sich der Staatsanwalt einen anderen Hut auf, er wird vom Strafverfolger zum Richter. Rechtsstaatlich bedenklich, aber Realität. Bis zu einer gewissen Strafhöhe und Schwere des Delikts kann er nun in eigener Machtvollkommenheit eine Strafe aussprechen.

Vorteile für alle Beteiligten. Der Angeschuldigte ist die Sache los, der Staatsanwalt hat eine Verurteilung erzielt, das Gericht muss sich nicht damit befassen. Super, nur um Gerechtigkeit geht es hier zu allerletzt. Der Staatsanwalt hat noch einen weiteren Vorteil, und zwar nicht den kleinsten.

Gibt es in der gleichen Sache mehrere Angeschuldigte, kann er so über die Hintertür den Kronzeugen einführen. Denn nach Schuldeingeständnis und Strafbefehl kann der geständige Delinquent beim Prozess gegen die anderen Angeschuldigten weder auf sein Zeugnisverweigerungsrecht, noch auf die Gefahr einer allfälligen Selbstbeschuldigung hinweisen. Er muss die Aussagen wiederholen, die er in seinem Geständnis gemacht hat. Und sich selbst beschuldigen kann er gar nicht, weil er bereits rechtsgültig verurteilt ist.

Wo Gehilfenschaft ist, muss doch auch das Delikt existieren

Nun hat dieser Anwalt eingestanden, dass er sich der mehrfachen Gehilfenschaft zu Betrug schuldig gemacht hat. Dafür hat er eine Geldstrafe von knapp 105’000 Franken kassiert. Immerhin auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Aber dazu muss er sich an den Untersuchungskosten beteiligen, was mit 60’000 Franken zu Buche schlägt.

Es ist ja so: Wenn es Gehilfenschaft zum Betrug gab, dann gab es wohl auch Betrug. Und des gewerbsmässigen Betrugs ist bekanntlich Vincenz und sein Kompagnon angeschuldigt. Da spielt es eigentlich kaum eine Rolle, ob das bestritten wird oder nicht. Ein Helfer hat gestanden, was will der Staatsanwalt mehr?

Aber auch für den abgeurteilten Anwalt ist damit die Sache noch nicht ausgestanden. Die Aufsichtskommission der Anwälte des Kantons Zürich hat gegen B.B. ein Disziplinarverfahren eröffnet. Schliesslich muss sie schauen, dass das Berufsbild des Anwalts sauber bleibt. Dafür hat sie eine ganze Reihe von Sanktionen. Vom einfachen Verweis über eine Busse bis hin zum Berufsverbot. Aber das ist noch nicht genug des Ungemachs.

Selbst mit diesem Schuldeingeständnis wird B.B. den Fall nicht los

Es gibt auch noch den Zürcher Anwaltsverband (ZAV), in dem fast alle rund 3500 Anwälte im Kanton organisiert sind. Auch hier könnte B.B. rausgeschmissen werden – oder sich dem durch Austritt aus dem Verein entziehen. So etwas kommt allerdings nur alle Jubeljahre einmal vor.

Aber selbst so gelingt es B.B. nicht, seine Verwicklung in die Affäre Vincenz ganz abzuschütteln. Es läuft noch ein Disziplinarverfahren gegen ihn, und je nachdem rückt er wieder ins öffentliche Scheinwerferlicht, wenn er im Prozess aussagen müsste. Das ist zwar noch fast ein Jahr hin, aber in diesem Fall würde natürlich von den Medien alles nochmal aufgerollt. Denn neben der Unschuldsvermutung ist auch das recht auf Vergessen ein besserer Witz. Nein, ein schlechter.

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