Fast jeder zweite Staatsanwalt in Zürich hat gesundheitliche Probleme.

Das sagt eine vom «Tages-Anzeiger» veröffentlichte Umfrage. Sie wurde vom «Verein der Staatsanwälte und Jugendanwälte» des Kantons Zürich durchgeführt. Von 180 Staatsanwälten nahmen 115 daran teil. Von denen klagten 91 über gesundheitliche Probleme.

Die sind offenkundig durch den Job verursacht. Es fängt bei Schlafstörungen an, geht über Magengeschwüre bis zu Burn-out. Dafür werden immer wieder zwei Gründe angegeben: Arbeitsüberlastung und schlechtes Klima auf den Amtsstellen.

Vor allem herrische, offenbar schlecht im Management ausgebildete Oberstaatsanwälte fallen durch einen rauen Umgangston auf, stellen Mitarbeiter bloss, entscheiden ohne grosse Rücksprache. Es ist gar von einem «Angst-Regime» die Rede. 25 Staatsanwälte geben an, dass sie wegen arbeitsbedingten psychischen Opfer physischen Problemen schon mindestens einmal professionelle Hilfe beansprucht hätten.

Keine Reaktion der Vorgesetzten oder Aufsichtsbehörden

Die Umfrage wurde im Sommer 2019 durchgeführt. Reaktion der Vorgesetzten, der zuständigen Vorsteherin der Justizdirektion: «Ich nehme die Ergebnisse der Umfrage sehr ernst.» Das sagt jeder Politiker, wenn er Däumchen dreht. Als ein leitender Oberstaatsanwalt im Herbst 2019 mit den Ergebnissen konfrontiert wurde, meinte er, dass «Handlungsbedarf besteht».

Schon 2015 wurde der konstatiert und ihm mit dem «Projekt STR2020» begegnet.  Organisation straffen, Fälle besser verteilen, das Übliche. Gewirkt hat das laut einem Insider nicht, im Gegenteil, es habe zusätzlichen Aufwand verursacht.

Es gibt noch eine weitere, bedenkliche Zahl in dieser Umfrage. Nur 10 der 115 Teilnehmer sagen, dass sie sich von ihrem Vorgesetzten bei Belastungen unterstützt fühlen. Die Mehrheit fürchtet sich sogar davor, mit ihm über gesundheitliche Probleme zu sprechen. Aus Angst vor negativen Folgen.

Teamgeist, Vertrauen? Nicht bei der Staatsanwaltschaft

Es gehört zu den Grundlagen eines funktionierenden Managements, dass Teamgeist und Vertrauen herrschen muss, wenn gute Resultate erwartet werden. Offene Gesprächskultur, Angstfreiheit, das Ansprechen von Problemen jeder Art, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

Mit all dem liegt es offenbar seit Jahren schon im Argen in dieser Behörde. Die zudem, im Gegensatz zur Polizei, nicht dem Bevölkerungswachstum entsprechend – und der damit steigenden Fallzahl – aufgestockt wurde.

Vor diesem Hintergrund drei Jahre Ermittlungen gegen Vincenz

Vor diesem Hintergrund muss man sehen, was sich ein leitender Staatsanwalt im Fall Vincenz alles leistet. Er wittert den letzten, grossen Fall in seiner Karriere, meint, einen ganz dicken Fisch an der Angel zu haben, und schlägt entsprechend Wellen. Denn wann ist es einem Staatsanwalt schon mal vergönnt, seinen Namen in den Medien lesen zu können, zu geniessen, dass sogar Porträts über Mensch und Werk geschrieben werden.

Dabei hilft, dass die Medien regelmässig angefüttert werden, mit Interna aus den Untersuchungen. Da hilft, tagelang für Schlagzeilen zu sorgen, indem ein ehemaliger Bank-Superstar in U-Haft wandert. Da hilft, dass die endlich nach drei Jahren fertiggestellte Anklageschrift, strikt vertraulich und hier sogar mit einer Geheimhaltungsverfügung bewaffnet, schneller bei den Medien als bei den Angeschuldigten landet.

Klima der Angst und Überforderung

Mangelndes Vertrauen, Überlastung, daraus resultierende ernste psychische und physische Probleme, schlechtes Management, keine überzeugenden Versuche, die Situation zu verbessern. Beruhigende Worte, man nehme ernst, arbeite an Verbesserungen, habe auch einen Plan, aber in der Realität sehen die leidenden Staatsanwälte keine grosse Veränderung im Verhalten der leitenden Staatsanwälte.

In diesem Klima der Angst und Überforderung, der drohenden Erkrankung, des Burn-outs wird eine selten dicke Anklageschrift über Jahre gebastelt, wird der Fokus der Ermittlungen schon mal fundamental verändert, als sich der Anfangsverdacht nicht erhärten liess. Und um den ganzen Aufwand zu rechtfertigen, werden drakonische Strafen von 6 Jahren für die beiden Hauptbeschuldigten gefordert.

Das alles steigert das Vertrauen in die mit weitgehenden Machtmitteln ausgestatteten Staatsanwälte ungemein.

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