Nur im Film kann man die Zeit rückwärtslaufen lassen. In der Realität nie.

Für viele Menschen gibt es ein Leben vor einem bestimmten Zeitpunkt, und eins danach. Bei Pierin Vincenz kann man sogar die genaue Uhrzeit angeben. Es war um 7.15 Uhr am Morgen. Er befand sich in seiner Villa im Appenzell, als es an der Türe klingelte.

Bis zu diesem Moment war Vincenz mit der Welt und mit sich im Reinen. In der heilen Welt des Appenzells macht man noch ohne zu zögern die Türe auf, was soll denn Schlimmes passieren.

In diesem Fall ging es nicht viel schlimmer. Denn Vincenz wurde eröffnet, dass er der Staatsanwaltschaft Zürich zugeführt werde. Gleichzeitig finde hier bei ihm zu Hause eine Durchsuchung und Beschlagnahme aller Geschäftsunterlagen statt. Und ja, es wäre keine schlechte Idee, Zahnbürste Pyjama und allenfalls Medikamente einzupacken.

Unterwegs zu Kafkas «Prozess»

Auf der Autofahrt nach Zürich hatte Vincenz Zeit, sich zu überlegen, ob es ihm wie in Franz Kafkas Alptraum «Der Prozess» ergehe: «Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.»

So beginnt der Roman, der nach tapferer Gegenwehr von Josef K. mit dessen Erschiessung endet. Das droht in der zivilisierten und rechtsstaatlichen Schweiz nicht. Wobei aber der Staatsanwalt über eine Machtfülle verfügt, deren Einsatz charakterlich gefestigte Menschen braucht.

Denn ein Staatsanwalt kann ansatzlos vorführen, verhaften lassen, und wenn’s ihm drum ist, anschliessend einen Angeschuldigten in Untersuchungs-Haft schmoren lassen. Im Prinzip unbegrenzt, denn der sogenannte Haftrichter, der jeweils eine Verlängerung bewilligen muss, wird kaum als Justizorgan dem Kollegen von der Strafverfolgung einen Wunsch abschlagen.

Erst langsam sickert die neue Realität ins Bewusstsein

U-Haft bedeutet zudem, dass der Häftling nur sehr reduzierten Kontakt zur Aussenwelt hat, im Wesentlichen seine Tage und Nächte in der Zelle verbringt und keine Ahnung hat, wann er sie wieder verlassen darf. Für Abwechslung sorgen nur Einvernahmen und Gespräche mit seinem Anwalt.

Eine grössere Fallhöhe ist kaum vorstellbar. Nach gesundem Schlaf in erquicklicher Umgebung, damit beschäftigt, das Tagesprogramm zu strukturieren, ans Frühstück zu denken, die News des Tages zur Kenntnis zu nehmen – und zack, sitzt man in Handschellen in einem nach Polizei riechenden Fahrzeug. Und hält das Ganze noch für ein Missverständnis, das sich bald aufklären wird und sicherlich als Anekdote bei der nächsten Abendrunde zum Einsatz gebracht werden kann.

Diese Vorstellung verflüchtigt sich spätestens, nachdem der Staatsanwalt die Absicht seiner Strafuntersuchung bekannt gibt, nach längerer Einvernahme dann verkündet, dass er sich gezwungen sehe, wegen Verdunkelungs- oder Fluchtgefahr sein Gegenüber in Polizeihaft nehmen zu lassen. Anschliessend, aber das sei dann frühestens morgen, werde er dem Haftrichter vorgeführt, der über den Antrag auf U-Haft entscheiden werde.

Wie aus der Realität gesaugt

Die Haftzellen in der Polizeikaserne in Zürich sind alles andere als komfortabel. Sie wirken eher mittelalterlich, das servierte Essen entspricht genau allen Vorurteilen, die man gegenüber Gefängnisfrass hat.

Wer in einer solchen Zelle sitzt, das erste Mal sitzt, hat das Gefühl, es sei ihm wie mit einer Saugglocke die normale Realität weggenommen worden. Der Insasse starrt das erste Mal in seinem Leben auf eine Türe, die er nicht selber öffnen kann. Er starrt auf die wegen leichterer Reinigung mit Ölfarbe angemalte Wand, auf Kritzeleien, auf die Pritsche, auf die Kloschüssel.

Erst langsam sickert ins Bewusstsein, dass das kein Alptraum ist, sich auch nicht für eine witzige Anekdote eignet. Und vor allem, dass es nicht absehbar ist, wann sich dieser Zustand ändern wird.

Auch nach der U-Haft geht der Alptraum weiter

Aber wer meint, dass nach 10, 50 oder 100 Tagen mit der Freilassung der Alptraum beendet sei, täuscht sich immer noch. Damit fängt er erst an. Denn vorher war Vincenz der ehemalige Big Boss von Raiffeisen, der Meister aller Klassen, erfolgreich, sympathisch, jovial, geliebt und bewundert von Mitarbeitern und Genossenschaftlern, bei deren Versammlungen er immer zeigte, dass er einer wie sie sei, eigentlich ein Bündner Bergler, gmögig, volksnah, nie um einen guten Spruch verlegen, trinkfest und zum Anfassen.

Aber während Vincenz in der Zelle schmorte, sorgte man dafür, dass zumindest sein Ruf ermordet wurde. Lusche Geschäfte, in den eigenen Sack gewirtschaftet, geldgierig, aufwendiger Lebensstil, Helikopter, Villa, abgehoben. Hinter der jovialen Fassade lauerte ein richtiger Schlechtbanker, der es mehr als verdient hat, auf die Schlachtbank geführt zu werden.

Seine nächste Illusion platzte, als er anfänglich den Behauptungen des Staatsanwalts glaubte, dass die Untersuchung eigentlich bereits so gut wie abgeschlossen sei. Wohl nicht mehr vor der Sommerpause, aber im Herbst, spätestens Ende Jahr werde dann Anklage erhoben. Aber 2018 zog ins Land, 2019 zog ins Land, 2020 zog ins Land, bis fast drei Jahre nach Beginn der Staatsanwalt endlich eine Anklageschrift fertiggestellt hatte.

Wie man einen Ruf und ein Lebenswerk vernichtet

Hatte auch Vincenz jemand verleugnet? Hat auch er nichts Böses getan? Das weiss man bis heute nicht, und bis zu einem rechtskräftigen Urteil werden noch weitere Jahre vergehen. Aber selbst bei einem Freispruch auf ganzer Linie: Das Leben von Vincenz wird nie mehr so sein, wie es an diesem Februarmorgen des Jahres 2018 bis 7.15 Uhr war.

Schuldhaft, schuldig, unschuldig, völlig egal. Mann, Lebenswerk, Ruf, Reputation, Ehe, viele Freundschaften: vernichtet. Ausgelöscht. Ermordet. Zusammen mit der Unschuldsvermutung.

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