Die grosse Aufregung um die Anklageschrift ist vorbei. Nun herrscht wieder Schweigen.

Der moderne Journalismus kennt nur zwei Zustände. Das ist wie in der digitalen Welt: Strom oder kein Strom, 1 oder 0. Dazwischen gibt es nichts.

Das bedeutet in diesem Fall, dass es sehr viel Strom gab, als die Staatsanwaltschaft nach sagenhaften drei Jahren Untersuchung endlich die Anklageschrift beim Bezirksgericht Zürich deponierte. Ihr strikt geheimer, mit einer zusätzlichen Geheimhaltungsverfügung geschützter Inhalt kam gleichzeitig beim Gericht wie in der Öffentlichkeit an.

Nach viel Strom wieder kein Strom

Erst danach durften die Angeschuldigten auch mal einen Blick darauf werfen. Das und auch die vielen Durchstechereien während der Untersuchung störten den Staatsanwalt nicht gross. Erst das Bezirksgericht erhob sofort Anklage gegen Unbekannt. Allerdings wird die Quelle auch weiterhin unbekannt bleiben.

Nachdem jede rote Laterne, an der Vincenz bei seinen Spesenausflügen vorbeiging, genau untersucht und befragt wurde, nachdem kübelweise moralische Entrüstung über ihm ausgeleert wurde, herrscht nun wieder der andere Zustand: kein Strom. Nichts, Ruhe, Schweigen.

Dabei gäbe es, neben der bis zum Erbrechen wiederholten Feststellung, dass Vincenz – zumindest laut Anklageschrift – ein Spesenritter, Rotlichtbanker und geldgieriger Mensch sei, so viele interessante und unbeantwortete Fragen.

Statt zu schweigen, könnte man den vielen offenen Fragen nachgehen

Ein kleiner Katalog:

  • Wieso wird nicht thematisiert, dass hier das Strafrecht als Knüppel in einer zivilrechtlichen Auseinandersetzung über immerhin 100 Millionen Franken missbraucht wird?
  • Wieso erstaunt es keinen, dass der Staatsanwalt, nachdem er auch mit Verhaftung, U-Haft, Verhören und Hausdurchsuchungen nichts Brauchbares ans Licht förderte, klammheimlich ab Mitte 2018 die ganze Richtung der Untersuchung veränderte?
  • Aus Spesenbetrug (grösstenteils verjährt) gewerbsmässigen Betrug, Urkundenfälschung und Veruntreuung machen, wie geht das?
  • Es geht hier um möglicherweise zu Unrecht abgerechnete Spesen in der Gesamthöhe von 250’000 Franken und mögliche Gewinnherausgabe. Was kostet demgegenüber die dreijährige Strafuntersuchung, die diversen Gutachten und Untersuchungen durch Anwaltskanzleien?
  • Wenn es bei Aduno oder bei Raiffeisen zu Unregelmässigkeiten kam, wieso reichen da die internen Kontrollmechanismen nicht aus?
  • Wieso braucht es millionenteure externe Untersuchungen, um beispielsweise herauszufinden, dass eingereichte Spesen «8000 Franken, Red Lips (Quittung liegt bei)» vielleicht nicht ganz koscher sind?
  • Wieso kommen die Führungsgremien davon, die teilweise Millionengeschäfte, die von Vincenz vorgeschlagen wurden, ohne die geringsten Unterlagen durchwinkten?
  • Wieso werden arglose Eingeladene, die nichts Anrüchiges daran erkennen konnten, dass sie von Raiffeisen wegen jahrelang geleisteter guter Dienste zu einer Reise nach Dubai eingeladen wurden, wegen «Beihilfe zu ungetreuer Geschäftsführung» angeklagt?
  • Das ist ein lächerlicher Vorwurf, der mit einem Freispruch enden muss. Allerdings hat einer der beiden Angeschuldigten, offenbar aus Angst vor jahrelangen Rechtshändeln, bereits einen Strafbefehl akzeptiert. Aber wieso wurde mit gleichen Anfangsverdacht nicht gegen den damaligen VR-Präsidenten von Raiffeisen ermittelt?
  • Warum wurde Prof. Dr. Johannes Rüegg-Stürm nicht angeklagt, obwohl er als HSG-Professor für Unternehmensführung sehr genau wissen müsste, dass er weder seiner Aufsichts-, noch seiner Kontroll- und erst recht nicht seiner Fürsorgepflicht nachkommt, wenn er jahrelang alle Spesenabrechnungen von Vincenz abzeichnet?
  • Warum wird nicht aus dem gleichen Grund gegen das aktuelle Führungsduo von Raiffeisen Schweiz ermittelt? Der neue VR-Präsident und der neue CEO haben unverständliche Abschreiber gemacht, um das Werk ihrer Vorgänger möglichst schlecht dastehen zu lassen. Sie haben sich zudem in Rechtshändel über rund 100 Millionen eingelassen. Wer zahlt das alles?
  • Wie kann es sein, dass der Steuerzahler, im Falle der Staatsanwaltschaft, und der Raiffeisen-Genossenschafter ungefragt Millionenbeträge aufwerfen muss?
  • Wieso gelingt es der Staatsgewalt nicht, die Unschuldsvermutung im Fall von Vincenz vor der Entstellung bis zur Lächerlichkeit zu schützen?
  • Angenommen, der Strafprozess endet mit Freispruch auf ganzer Linie, was diesem Staatsanwalt nicht das erste Mal passieren würde. Angenommen, die zivilrechtlichen Händel gehen ebenfalls zugunsten von Vincenz und seinem Kompagnon aus. Gibt es dann irgendwelche Verantwortlichkeiten, Haftbarkeiten?
  • Warum wird in diesem Fall den Verursachern eines Totalschadens, was die Reputation eines erflgreichen Bankers betrifft, und eines Multimillionenschadens, was verlorene Rechtshändel betrifft, keinerlei Haftung auferlegt?
0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.